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Der Herbst des Winterkönigs

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Friedrich V. wurde am 26. August 1596 in der Oberpfalz geboren und musste in seinen jungen Jahren so manchen Schicksalsschlag wegstecken. Bereits im Alter von 14 Jahren wurde er zum Pfalzgrafen und Kurfürsten der Pfalz . Von 1619 bis 1620 herrschte er als König von Böhmen und erhielt auf Grund dieses kurzen Zeitraumes den Spottnamen „Winterkönig“, der ihn noch bis heute ausmacht. Das Stück „Der Herbst des Winterkönigs“ beschäftigt sich jedoch mit dem Jahr 1632, in dem er im jungen Alter von gerade einmal 36 Jahren an einer Pestinfektion starb. Ein letztes Mal kehrt er in seine alte Heimat Amberg zurück. Dieses Szenario ist jedoch rein fiktiv und basiert nicht auf wahren Begebenheiten.

Als Kaufmann verkleidet mischt er sich bei seiner Rückkehr gemeinsam mit seinem alten Kammerdiener Jan unter das gemeine Volk und lauscht einer Truppe fahrender Komödianten, die zu seinem großen Schrecken über niemand anderen als ihn herziehen und Lügen über seine Herrschaft und seine Beziehung zu seiner Frau, Elisabeth Stuart, verbreiten. Naiv, wie das Volk ist, glauben sie dem Spielansager natürlich jedes Wort und ziehen Friedrich V. immer mehr ins Lächerliche. In derber Mundartposse führt die fahrende Schauspieltruppe ein buntes Schmähstück auf, welches der Wahrheit nicht einmal annähernd entspricht. Friedrich V. kann diese Schmach nicht länger ertragen und meldet sich unerkannt zu Wort, um den Menschen zu berichten, was wirklich geschehen ist. Doch er stößt dabei nur auf Gelächter und wird nicht erhört, während sein treuer Kammerdiener Jan versucht, ihn vor weiterem Unheil zu bewahren. Schließlich verlässt er seiner Würde beraubt die Stadt und wurde nie wieder lebendig in Amberg gesehen.
Eine detailliertere Beschreibung des Stückes befindet sich auf der Homepage des Amberger Welttheaters.

Der Hauptcast besteht aus Friedrich V. (Andy Kuntz), Friedrichs Kammerdiener Jan (Reinhold Escherl), dem Spielansager (Jürgen Huber), Elisabeth Stuart (Astrid Vosberg / Stefanie Rhaue), Christian von Anhalt (Falko Hönisch) und dem Hofprediger Abraham Scultetus (Georg Lorenz). Zusätzlichen sind mehrere Laiengruppen beteiligt. Regie hat dabei Johannes Reitmeier geführt, den man bereits aus anderen gemeinsamen Projekten wie z.B. „Abydos“, „Ludus Danielis“, „ChristO“ oder „Die Chronik der Unsterblichen – Blutnacht“ mit Andy Kuntz und seiner Band Vanden Plas kennt. Die Komposition und musikalische Leitung übernahm Rogger E. Boggasch. Für die musikalische Unterstützung sorgte die Progressive-Metal-Band Vanden Plas.

Anlässlich der 975-Jahrfeier der Stadt Amberg schuf Johannes Reitmeier das Stück „Der Herbst des Winterkönigs“, welches bereits im Jahr 2009 uraufgeführt wurde und nun im Mai 2014 mit fast dem gleichen Cast erneut die Zuschauer begeistern konnte.

ende-testAufgeführt wurde „Der Herbst des Winterkönigs“ auf dem Mariahilfberg in Amberg, direkt vor der Mariahilfkirche, die eine wunderschöne Kulisse abgab. In der Abenddämmerung wurde diese dann farbig beleuchtet und sah einfach unfassbar schön aus. Bis auf den Theaterwagen, den man auf dem Platz vor der Kirche herum- und auseinander schieben konnte, war auch gar keine weitere Bühnendekoration nötig.

Was die Musik betraf, war es ziemlich schwierig einzuschätzen, was auf einen zukommen wird. Andy Kuntz und Vanden Plas sind nun nicht gerade für ihre klassische Ader bekannt und es war so gut wie unvorstellbar, dass ein historisches Bühnenstück etwas Rockiges beinhalten könnte.
Doch es kam, wie es kommen musste – unverkennbarer Vanden Plas-Sound vermischt mit ruhigeren Elementen und trotzdem konnten sie ihre Herkunft nicht verbergen. Der Spielansager (Jürgen Huber) beispielsweise wurde von schelmischen Klaviertönen begleitet, während Friedrich V. (Andy Kuntz) abwechselnd ruhigere und rockigere Balladen schmetterte. Stefanie Rhaue und Astrid Vosberg, die beide die Rolle der Elisabeth Stuart übernommen haben (wir durften Stefanie Rhaue erleben), sorgten teilweise durch ihren Operngesang für reichlich Abwechslung. Die Duette zwischen Friedrich V. und Elisabeth Stuart beinhalteten sowohl deutsche, als auch englische Passagen. Diese musikalische Mischung verlieh diesem historischen Stück sowohl moderne, als auch erfrischende Elemente und machte daraus in Verbindung mit der großartigen mittelalterlichen Kulisse ein unglaublich schönes Stück.

Mit der bayrischen Mundart, die das Volk in ihren Dialogen und Liedern immer wieder verwendet, kommt wahrscheinlich nicht jeder allzu gut klar, der nicht aus der Amberger Gegend, bzw. aus Bayern stammt. Zum Glück waren die wichtigsten Passagen auf Hochdeutsch.

Ein absolutes Highlight war der letzte Auftritt von Friedrich V. All seiner Ehre und Würde beraubt und von Krankheit zerfressen, steht er da und singt folgende Zeilen:
„Wofür hab ich gelebt? / Wonach hab ich gestrebt? / Wovon war ich getrieben? Was ist mir geblieben? / […] / Bleibt denn in meiner Not / Nur der Wunsch nach dem Tod…?“
Normalerweise hat das Publikum nach jedem Lied applaudiert, doch nach diesen Textzeilen herrschte Totenstille. Friedrich V. stand vor dem Volk, das zuvor noch getobt hat, nun aber ebenfalls schwieg. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. All seiner Kräfte beraubt setzte Friedrich V. einen Fuß vor den anderen, während sich die Menge leise und zögerlich teilte, um ihn gehen zu lassen. Eine unheimlich bedrückende Stimmung, die im Grunde das gesamte Stück schon irgendwie vorhanden war und nun endgültig zum Vorschein kam. Dies war ein absoluter Gänsehautmoment. Es folgte das Lied über das Hasenbanner – das Banner, das sozusagen der Hase während seiner Flucht trägt und Friedrich V. als Feigling hinstellen soll – welches einen perfekt abgerundeten Schluss dieses Stückes dargestellt hat.

Die gesamte Stimmung in „Der Herbst des Winterkönigs“ hat immer wieder zwischen demütigender Schalkhaftigkeit und bedrückender Verzweiflung hin und her gewechselt. Während der Spielansager (Jürgen Huber) – der mich übrigens irgendwie an Clopin Trouillefou aus „Der Glöckner von Notre Dame“ erinnert hat – stur und penetrant versucht hat, das Volk davon zu überzeugen, wie furchtbar der Winterkönig geherrscht hat, kämpfte Friedrich V. (Andy Kuntz) mit Leib und Seele darum, seine Ehre wieder herzustellen – wenn auch unerkannt. Dass er den Kampf letztendlich verlieren würde und das alles von vornherein ziemlich aussichtslos war, macht die ganze Sache nur noch trauriger. Und gerade diese Tatsache, dass die Emotionen in diesem 90-minütigen Schauspiel so stark beim Zuschauer angekommen sind, zeigt, welch großartige Darsteller an diesem Stück mitgewirkt haben.

Leider haben nur vereinzelte Leute aus dem Publikum am Ende reagiert und die gesamte, tolle Mannschaft mit Standig Ovations belohnt. Verdient haben sie diese nämlich allemal!

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6 Kommentare

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  1. Herba

    Ich liebe Freilufttheater und das Stück klingt ziemlich interessant!

  2. Die Poe

    Das klingt sehr interessant und scheint ja wirklich ein wunderbarer Abend gewesen zu sein!

  3. Der Spielansager

    Hallo,

    bin zufällig über deine Seite bzw den Bericht zum Winterkönig gestolpert.
    Interesant was ein Privat-Mensch – also nicht die Zeitung- so darüber schreibt.
    Dein Fazit war ja recht positiv. Schön dass es dir gefallen hat.
    Eine Frage hätte ich aber noch: Warum erinnert dich der Spielansager an Clopin Trouillefou aus “Der Glöckner von Notre Dame” ? bzw vielen Danke für das Kompliment. Diesen Vergleich habe ich noch nicht gehört!

    Es grüßt ergebenst
    Der Spielansager

    1. little_dhampir

      Hallo,

      vielen lieben Dank für den Kommentar 🙂
      Was mich an dir so an Clopin erinnert hat, kann ich gar nicht so recht sagen. Ich mag Clopin und seine Art einfach unheimlich gerne und ich habe den Disney-Film erst vor Kurzem wieder gesehen. Ich musste während des Stückes ab und an an die Szene denken, wie Clopin Quasimodo auf dem Marktplatz lächerlich macht. Außerdem glaube ich, dass der Hut auch einen Teil dazu beigetragen hat 😉

      Liebe Grüße,
      Cat

      1. Der Spielansager

        …und wie kommst du da drauf so weit in die tiefste Oberpfalz zu fahren um dir das anzuschauen?
        Ich nehme mal an Andy und Vanden Plas?
        Und, hast du eigentlich bei den Mundart/Dialekt-Sprechern überhaupt irgendetwas verstanden?

        1. little_dhampir

          Wir machen immer mal lustige Wochenendausflüge und haben geschaut, was bei Vanden Plas demnächst so ansteht, da wir schon einiges von ihnen gesehen haben.
          Leider nein… ich habe bei Dialekten immer ziemliche Probleme – tröstlich war allerdings, dass nicht mal unsere Südpfälzerin etwas verstanden hat. Da waren wir für das Hochdeutsch von Andy sehr, sehr dankbar! 🙂

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