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The Crucible

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Vom 21. Juni bis zum 13. September 2014 wird im Old Vic-Theater das Stück „The Crucible“ (dt.: Hexenjagd) aus der Feder von Arthur Miller aufgeführt. Das bereits von der Presse hochgelobte Theaterstück zeichnet sich durch die verschiedensten Elemente aus, die selbst jemanden wie mich, wo ich doch absolut keine Ahnung von Theater habe, vollkommen aus den Socken hauen. Es war mein erstes Stück, in dem nicht mal ansatzweise gesungen wurde und aus Angst, am Ende nichts zu verstehen, habe ich vorher noch das Buch gelesen. Dies ist natürlich von Vorteil, doch auch mit durchschnittlichen Englischkenntnissen kann man die Geschichte recht gut verstehen (um ehrlich zu sein habe ich sie sogar erst beim Ansehen des Stückes richtig verstanden).

oldvic2Die Handlung spielt im Jahre 1692 in Salem, Massachusetts und handelt von Intrigen, Machtausübung und Hysterie. Eines Nachts überrascht der Reverend Samuel Parris (Michael Thomas) seine Tochter Betty (Marama Corlett), seine Nichte Abigail Williams (Samantha Colley) und deren Freundinnen bei einem Ritual im Wald, bei dem sie verbotenerweise tanzen. Auf Grund der Entdeckung und aus Angst vor den Konsequenzen täuschen einige der Mädchen seltsame Symptome vor, die sich keiner erklären kann. Betty beispielsweise liegt wie ohnmächtig in ihrem Bett und krümmt sich ab und an vor Schmerzen, was sich weder ihr Vater, noch Reverend Hale (Adrian Schiller), einem Spezialisten in Sachen Teufelsaustreibung, erklären kann. Dadurch entstehen innerhalb der Bevölkerung Gerüchte über übernatürliche Ereignisse, Teufelsbeschwörung und Hexerei. Allen voran Abigail Williams sehen darin den Untergang ihres guten Rufes und die Chance, die Frau ihres ehemaligen Liebhabers John Procter (Richard Armitage) loszuwerden, in dem sie und ihre Freundinnen wahllos Namen von Bürgern der Stadt ausrufen und diese beschuldigen, mit dem Teufel im Bunde zu sein. Natürlich traut sich keiner, an ihrer Glaubhaftigkeit zweifeln, bis auf John Procter, der sich sicher ist, dass hinter dieser vermeidlichen Hexenjagd eine Intrige steckt, die unzähligen unschuldigen Menschen, darunter auch seiner Frau Elizabeth (Anna Madeley), das Leben kosten wird, wenn er nichts dagegen unternimmt.

„The Crucible“ ist wahrlich eine harte Kost für jeden Theaterbesucher und Darsteller. Die tragische und oldvic3dramatische Grundstimmung, die von Beginn an herrscht, schlägt auf jedes Gemüt und verleiht dem Stück eine emotionale Schärfe, die wohl niemanden kalt lässt. Der Innenraum des Theaters ist schon beim Betreten sehr düster und leicht nebelig. Leise Musik untermauert die gesamte Atmosphäre, sodass man sich sofort in das Stück einfinden kann. Eine direkte Bühne gibt es nicht, lediglich eine runde Spielfläche, die auf einer Höhe mit den Sitzplätzen ist. Da wir direkt in der ersten Reihe gesessen haben, war es ein unheimliches Erlebnis, da sich die Darsteller nur etwa einen halben Meter von uns entfernt befunden haben. Man ist mittendrin und es kann schon mal vorkommen, dass man instinktiv einem fliegenden Stuhl oder Darsteller ausweicht. Und genau diese Nähe zum Geschehen ist das, was das Stück so intensiv macht. Und genau das ist es. Intensiv. Emotional. Unglaublich laut. Die Bühnendeko ist sehr schlicht gehalten. Die Darsteller tragen beinahe übergangslos und unbemerkt die Requisiten in die Mitte des Raumen und schaffen damit eine atemberaubende Atmosphäre. Ob es sich nun um das Heim von Reverend Parris oder John Procter handelt, oder um das Gefängnis oder den Gerichtssaal – trotz simpler und nicht allzu vieler Requisiten verleihen diese den Szenen eine gewisse Authentizität. Selbst der Eintopf, den John Procter in einer Szene isst, ist frisch gekocht und lässt einem das Wasser im Mund zusammen laufen, weil er so unfassbar lecker riecht. Die leise Musik, die ab und an im Hintergrund läuft, intensiviert alles nur noch mehr.
oldvic4Die Laufzeit von „The Crucible“ beträgt insgesamt 3 1/2 Stunden und wird nur durch eine 20-minütige Pause unterbrochen. Natürlich ist es auf Grund der vorhandenen Sprachbarriere eine recht anstrengende Angelegenheit, was die Konzentration angeht, doch ich bin sicher, dass es auch für die anderen Theaterbesucher eine auf Grund der schwermütigen Stimmung sehr fordernde Erfahrung gewesen ist. Anfangs betrug die Laufzeit sogar 4 Stunden, doch es wurde im Laufe der Spielzeit um eine halbe Stunde gekürzt. Trotz der Anstrengung hätte ich jedoch nichts gegen die ungekürzte Fassung einzuwenden gehabt. Mein größter Respekt gilt an dieser Stelle den Darstellern und ihrem Talent, sich diese riesige Masse an Text merken zu können.
Obwohl die momentane Beliebtheit des Stückes auch zum Teil dem Publikumsmagneten Richard Armitage zuzuschreiben ist, den man vor allem durch seine Rolle als Thorin Eichenschild aus der „Hobbit“-Trilogie kennt, kann man keinen der Darsteller wirklich hervorheben, was das Talent betrifft. Die Produzenten haben eine exzellente Auswahl getroffen und somit ein unvergessliches Stück geschaffen. Diese grandiose Glanzleistung, die die Darsteller an den Tag gelegt haben, fühlte sich an, als befände man sich mitten im Zentrum eines gigantischen Wirbelsturmes, der einen am Ende vollkommen verstört und durcheinander zurück lässt. Die stärkste und vor allem emotionalste Szene befindet sich am Ende und spielt zwischen John Procter und seiner Frau Elizabeth. Ich kann mich nicht erinnern, in meinem Leben jemals einen solch emotionalen, aufwühlenden und zugleich schöneren Kuss gesehen zu haben, der mir gnadenlos die Tränen in die Augen getrieben hat.
Nicht nur die allgemeine schauspielerische Leistung der Darsteller ist überragend, sondern auch die stimmliche. oldvic5Da das gesamte Stück ohne Mikrofone und Verstärker auskommt, müssen alle Beteiligten laut und deutlich sprechen, damit es auch in die äußersten Ecken des Theaters vordringt. Ob dies gelungen ist, kann ich nicht beurteilen, aber laut genug war es definitiv. An dieser Stelle muss man vor allem Richard Armitage als John Procter und Samantha Colley als Abigail Williams hervorheben. Beide spielen sehr impulsive Rollen, die sehr viel schreien und dramatisieren müssen. Allen diese Kraft, die die Darsteller dabei aufbringen müssen, ist überwältigend. Man sollte meinen, dass es bei der Häufigkeit, in der das Stück aufgeführt wird, bei vielen zu Heiserkeit kommen sollte, allerdings ist mir dies nur bei einer Darstellerin aufgefallen, was aber auch nicht allzu dramatisch war.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal betonen, dass ich relativ unvoreingenommen bin, da ich kein großer Fan von Richard Armitage bin. Ich kenne ein paar wenige Filme, als Thorin Eichenschild finde ich ihn großartig, aber das war es auch schon.

Für mich war „The Crucible“ eine äußerst intensive und emotionale Erfahrung. Meiner Meinung nach stellte diese hervorragende darstellerische Leistung aller Beteiligten eine derartige Perfektion dar, die nur schwer zu übertreffen ist. Auch die örtliche Atmosphäre hat einen wichtigen Bestandteil zu diesem Stück beigetragen. Obwohl ich von der Leistung her niemanden hervorheben möchte, bin ich trotzdem unheimlich froh, die Chance gehabt zu haben, Richard Armitage in solch einer Rolle sehen zu dürfen. Was er uns auf dieser Bühne gezeigt hat, war sowohl überwältigend, als auch atemberaubend.

Für diejenigen, die jetzt neugierig geworden sind, gibt es hier noch einmal den Trailer. Infos und Tickets findet ihr auf der Homepage des Old Vic.

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2 Kommentare

  1. guylty

    Danke für diese ausführliche Kritik des Stückes, das ich erst am kommenden Wochenende zu Gesicht bekommen werde. Ich habe deine wohlformulierten Überlegungen besonders gern gelesen, gerade weil du eben *kein* bekennender Armitage-Fan bist. Gelegentlich steht die Schwäche für diesen Schauspieler den Fans eben doch ein bisschen im Weg, wenn es um die objektive Betrachtung der schauspielerischen Leistung geht. Jedenfalls hat deine wunderbare und ausführliche Kritik die Vorfreude auf das Stück bei mir nur noch erhöht.
    Oh, ich sehe gerade – es gibt noch einen Nachschlag? Dann muss ich da natürlich auch noch nachlesen. Dank jedoch für die Mühe, so detailliert zu schreiben.

    1. little_dhampir

      Ich danke dir für diesen lieben Kommentar 🙂
      Das war mir auch unheimlich wichtig, denn das Stück besteht eben nicht nur aus einem guten Darsteller, sondern vielen, die unglaubliches geleistet haben. Ich habe mittlerweile schon mehrere Berichte gelesen und bei vielen steht nur Richard im Rampenlicht – was aus Fansicht sicherlich toll ist, aber da es ja auch für Leute interessant sein soll, die nicht so Richobsessed sind, habe ich da sehr viel Wert drauf gelegt. 🙂

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