Kolumne: Die Bibliothekarin

Ja, wie sieht sie denn eigentlich heute aus? Die Bibliothekarin? Das fragt sich wohl so mancher, der noch immer das Bild einer alten, knittrigen Dame im Kopf hat, auf deren Nase eine kleine Brille sitzt und die Haare zu einem strengen, festen Knoten zusammen gebunden sind. Nicht zu vergessen das graue Kostüm, das sie trägt. Inklusive schwarzer Pumps! Oder doch eher Biolatschen? Die klackern nicht so auf dem Boden, wenn sie aufmerksam lauschend und Bücher gerade rückend durch die Gänge wuselt und mit vor dem Mund erhobenem Zeigefinger die Leute mit einem scharfen “PSCHT!” anzischt, sobald sie es wagen, auch nur den Mund aufzumachen, um etwas zu sagen. In der Bibliothek muss ja schließlich Stille herrschen!

Ob sie je so ausgesehen hat, kann ich selbst nicht sagen. Im Museum habe ich sie auch noch nicht gefunden, also scheint sie wohl zur Rasse “ganz normaler Mensch” zu gehören. Wer also denkt, in eine Bibliothek zu kommen und von solch einer Frau angezischt zu werden, hat sich wohl geirrt. Ob das der Grund ist, warum nicht allzu viele Menschen in Bibliotheken gehen? Wenn man z.B. in eine der wissenschaftlichen Bibliotheken in Frankfurt kommt, wird man von einer charmanten, manchmal etwas abgedrehten Rothaarigen begrüßt, deren Haare noch zu kurz sind, um zum Knoten verflochten zu werden. Und – oh Schreck? Ist das ein Piercing an ihrem Ohr? Naja, immerhin stimmt die Brille… Was klickert die Bücherfee eigentlich die ganze Zeit auf ihrer Tastatur rum? Müsste sie nicht eigentlich den gesamten Bestand der Bibliothek lesen? Nö – die “Bücherfee” beschäftigt sich lieber privat mit ihrer geliebten Fantasy-Literatur. Was interessieren sie denn irgendwelche komischen Bücher über Chemie oder Physik? Das ist teilweise wahrscheinlich fiktionaler als die Romane, die sie sonst liest – die versteht sie wenigstens!

Das diese “Allwissenheit” unter Bibliothekaren scheinbar immernoch ein allgemeines Klischee ist, hat folgende Unterhaltung mit einem Benutzer vor ein paar Wochen ergeben. Ich nenne ihn jetzt einfach mal Hans.

Bücherfee: “Um den zuständigen Professor zu finden, müsste ich wissen, worum es in dem Buch ungefähr geht, bzw. was denn der Fachbereich ist.” Hans: “Weiß ich nicht!” Bücherfee: Ja, was studieren sie denn? Sie müssen doch wissen, was ihr Fachbereich ist!” Hans: “Nein, SIE müssen das wissen! Sie sind doch die Bibliothekarin!”

Okay… Sollte ich nicht in nächster Zeit zu Albert Einstein Junior mutieren, habe ich wohl den Beruf verfehlt.

Und was lernen wir daraus? Bibliothekare sind weder allwissend, noch haben sie eine Kleiderordnung, der sie folgen müssen. Zischen tut schon seit Jahren keiner mehr – man findet es sogar eher nervig, wenn jemand wie Hans ständig herum flüstert, wenn er was will – das Lippenlesen habe ich schließlich noch nicht gelernt!

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